Die Klais-Orgel der Pfarrkirche St. Simon und Juda Graach

Im Jahre 1914 errichtet die Orgelbauwerkstatt Johannes Klais aus Bonn in der Graacher Pfarrkirche St. Simon und Judas Thaddäus als Opus 532 eine neue Orgel mit 20 klingenden Registern, die sich auf zwei Manuale und das Pedal verteilen.

Mit diesem Instrument und mit den von Heinrich Brey kunstvoll gemalten Kreuzwegstationen erfährt die unter Pastor Riewer 1904 begonnene großräumige Erweiterung und Neugestaltung der spätgotischen Kirche von 1601 ihren krönenden Abschluss.

Für die neue Orgel wird an der Westwand eigens eine Empore erstellt, auf der auch Platz für einen kleinen Sängerchor ist.

Den neugotisch-byzantinischen Prospekt der Orgel bilden mittig drei Pfeifenfelder, zwei Seitentürme und reichlich Ornamentschnitzereien, besonders an den pfeifenlosen großflächigen Verbindungsfeldern. Im Inneren des Gehäuses stehen links in einem Schrank mit beweglichen Jalousien die Pfeifen des II. Manuals, in der Mitte auf zwei Ebenen die Pfeifen des I. Manuals und rechts die Pfeifen des Pedals auf insgesamt vier Kegelladen. Der Spieltisch ist quer angebaut.

Traktiert wird die Orgel durch eine für diese Zeit moderne Röhrenpneumatik, wodurch die Verbindungen zwischen den Tasten und Pfeifenventilen mit Orgelwind gesteuert werden.

Klanglich ist das Instrument spätromantisch angelegt, grundtönig, mit kraftvollen Prinzipalen, Flöten und streichenden Stimmen disponiert.

Diese Registerpalette entspricht dem damaligen Musikempfinden. Zugleich erfüllt sie auch die Anforderungen, die an ein solches Instrument zur musikalischen Ausgestaltung eines Gottesdienstes in dieser Zeit gestellt wurden.

In einem kleinen Raum rechts neben der Orgel ist die Windanlage untergebracht. Sie besteht aus einem großen Magazinbalg, der von einem Schöpfbalg durch Treten mit Wind gefüllt wird. Ab 1919 übernimmt diese Arbeit ein elektrisches Gebläse.

 

Die Disposition von 1914 lautet:

I. Hauptwerk C-g3

Bordun 16’

Prinzipal C – d0 Mitte/rechts im Prospekt 8’

Viola da Gamba 8’

Konzertflöte 8’

Dulciana 8’

Oktave 4’

Quinte Auszug aus Cornett-Mixtur 22/3’

Cornett-Mixtur 4fach 4’ – 22/3’ – 2’ – 13/5’

 

II. Schwellwerk C-g3 bis g4 ausgebaut

Geigenprinzipal 8’

Viola 8’

Vox coelestis 8’

Bordun 8’

Flauto traverso 4’

Sesquialter 2fach 22/3’ – 13/5’

Flautino 2’

Horn 8’

 

Pedal C-d1

Violon 16’

Subbass 16’

Zartbass Abschwächung von Subbass 16’

Oktavbass C – cis0 Mitte/links im Prospekt 8’

 

Koppeln

II-I, I-P, II-P, Super II-I, Sub II-I

Registercrescendo

Pedalmoderator

1 freie Kombination

feste Kombinationen Piano / Forte / Tutti

 

30 Jahre lang versieht die Orgel problemlos ihre Dienste, bis Mitte März 1945 die Kirche durch Artilleriebeschuss von der Zeltinger Höhe aus stark beschädigt wird.

Granatsplitter zerstören Teile der Orgel, vor allem das rechte seitliche Gehäuse und das Register Violon 16’. Auch Pfeifen des Hauptwerks werden in Mitleidenschaft gezogen, besonders die großen Pfeifen von Dulciana 8’.

Im Januar 1946 wendet sich Pastor Peter- Josef Klein an die Firma Klais und bittet um entsprechende Reparaturarbeiten. In einem Antwortschreiben teilt der Firmenchef Hans Klais Pastor Klein mit, dass die Arbeiten vorgemerkt, jedoch wegen extrem großer Auftragslage erst nach Monaten, wenn nicht erst nach Jahren, leistbar seien.

Daraufhin bekommt die Orgelbaufirma Sebald aus Trier den Auftrag für die nötigen Reparaturen. Die teils behelfsmäßigen Arbeiten werden 1948 beendet. Der zersplitterte Violon 16’ wird allerdings nicht ersetzt. Im Laufe des Jahres 1955 ist der damalige Juniorchef Hans Gerd Klais zu Besuch in Graach, um für das firmeneigene Archiv den Zustand der Orgel zu dokumentieren.

Ein Jahr später, 1956, baut die Firma Klais auf seine Empfehlung hin anstelle des fehlenden Holz-Violon 16’ einen Choralbass 4’ ein.

Wiederum fast 30 Jahre später, 1982, erfährt die Orgel eine klangliche Veränderung. Im Rahmen des finanziell und musikalisch Möglichen wird das Instrument stilistisch behutsam erweitert. Zu der deutsch-romantischen Musik werden nun auch französisch- romantische Färbungen und ansatzweise spätbarocke Klänge darstellbar.

 

Die Veränderungen im Einzelnen:

Die klanglich unbefriedigende Cornett- Mixtur – die ursprüngliche Terzreihe war im Laufe der Zeit unglücklich auf eine hohe Quintreihe verkürzt worden – wird mit einer klassisch angeordneten, tiefliegenden 4-5fachen Mixtur (C 2’ – Fis 22/3’ – gis0 4’ – gis1 51/3’ ab hier 5f – b2 8’) ausgetauscht.

Die frei gewordene Rohrflöte 4’ aus der Cornett- Mixtur wird als selbständiges Register auf den Platz von Dulciana 8’ gestellt, deren tiefe Pfeifenreihe nur notdürftig repariert und mit vielen schadhaften und uneinheitlichen Fremdpfeifen bestückt ist.

Die Klangbecher von Horn 8’ werden ausgebaut und durch Trompetenbecher ersetzt. Die tonbildenden Messingblättchen dieses Registers – die Zungen – werden überarbeitet.

Im Pedal wird der Choralbass 4’ auf eine kleine Zusatzlade gestellt, ergänzend ein Fagott 16’ mit Holzbechern eingebaut und die Windabschwächung Zartbass 16’ stillgelegt. Der dadurch frei gewordene Registerschalter am Spieltisch wird für das neue Register genutzt.

Sämtliche Arbeiten werden von Orgelbauer Paul Kön aus Rachtig durchgeführt. Paul Kön ist zu dieser Zeit freier Mitarbeiter der Orgelbauwerkstatt Hugo Mayer aus Heusweiler und hat in der Vergangenheit mehrfach technische und klangliche Mängel an der Graacher Orgel beseitigt. So erfolgte von ihm auch der Austausch der tiefsten Subbasspfeife, die mit Granatsplittern durchsetzt, kaum klingen konnte. Die Austauschpfeife stammt aus der alten Klausener Orgel. Die neuen Pfeifen fertigt die Firma Mayer an.

2009 wird die Orgel von der Orgelbauwerkstatt Weimbs aus Hellenthal komplett gereinigt, das Pfeifenwerk überarbeitet, technische Reparaturen durchgeführt, die Balganlage abgedichtet und sämtliche Lederbälgchen, die zum Öffnen der Ventile nötig sind, erneuert. Gegen Schimmelbefall werden im Gehäuse Lüftungsschlitze angefertigt und letztendlich der Spieltisch neu aufgearbeitet.

 

Berthold Botzet, Aachen-Graach

verfasst zum 100jährigen Jubiläum der Orgel nach Recherchen bei den Orgelbauwerkstätten Klais, Mayer und Weimbs, bei Paul Kön, Zeltingen-Rachtig, Reinhold Schneck, Wittlich und Heinz-Josef Clemens, Mönchengladbach

Die aufwendigen, kunstvollen Schnitzereien am Gehäuse könnten vermuten lassen, dass die Orgel ursprünglich edle Zinnpfeifen im Prospekt stehen hatte, die in einem der Weltkriege der Kriegswirtschaft zum Opfer gefallen sind. Das Archiv der Firma Klais kann dazu keine Angaben machen. Der jetzige Zinkprospekt ist laut Pfarrarchiv 1948 eingesetzt worden.